Captagon, das kleine weiße oder beigefarbene Pillchen mit dem markanten Halbmond- und Schwert-Logo, ist weit mehr als nur eine Droge – es ist ein Symbol für chemischen Mut, für Kriege, für Milliardenumsätze und für eine zerstörerische Sucht, die vor allem den Nahen Osten fest im Griff hat. Der Name „Captagon“ steht offiziell für Fenethyllin (auch Fenetyllin), eine Substanz, die in den 1960er Jahren in Deutschland entwickelt wurde. Heute hat das Wort aber eine ganz andere Bedeutung: Es bezeichnet meist gefälschte Amphetamin-Pillen, die in riesigen Mengen in Syrien und Umgebung produziert werden.
Die Geburt eines Medikaments – und sein dunkler Weg
In den 1960er Jahren suchten Pharmaforscher nach einem Stimulans, das weniger aggressiv als reines Amphetamin wirkt. Degussa (heute Teil von Evonik) synthetisierte Fenethyllin als Codrug: Eine chemische Verbindung aus Amphetamin und Theophyllin (ein koffein-ähnliches Mittel, das früher bei Asthma eingesetzt wurde).
Die chemische Formel lautet C₁₈H₂₃N₅O₂, und die Synthese war relativ einfach:
- Theophyllin wird mit 1-Brom-2-chlorethan alkyliert → 7-(β-Chlorethyl)-theophyllin entsteht.
- Amphetamin verdrängt dann das Chlorid in einer nucleophilen Substitution → Fenethyllin.
Im Körper zerfällt es schnell wieder in Amphetamin (ca. 24–25 %) und Theophyllin (ca. 14 %). Das Ergebnis: ein schneller, starker Wachmacher, der euphorisch macht, Hunger und Müdigkeit unterdrückt – aber ohne den extremen Blutdruckanstieg von purem Amphetamin, weil Theophyllin gefäßerweiternd wirkt. In den 1970er/80er Jahren wurde Captagon daher in manchen Ländern gegen ADHS, Depressionen oder Narkolepsie verschrieben.
1986 war Schluss: Zu hohes Suchtpotenzial, zu viele Missbrauchsfälle → weltweites Verbot.
Das Rezept von heute – die Straßenversion
Wer heute im Darknet oder auf den Straßen des Nahen Ostens nach einem „Captagon-Rezept“ sucht, findet fast nie echtes Fenethyllin. Die modernen Pillen sind gepresste Amphetamin-Cocktails. Typische Inhaltsstoffe (laut Analysen von UNODC, EMCDDA, CFSRE und Labors in Jordanien/Saudi-Arabien):
- Amphetamin (Hauptbestandteil, oft 16–41 % der Tablette, ca. 27–70 mg pro 170-mg-Pille)
- Methamphetamin (meist in Spuren <0,5 %)
- Koffein (massiv, oft Hauptanteil bei billigen Chargen)
- Theophyllin (manchmal als Echo des Originals)
- Andere Zusätze → Paracetamol, Ephedrin, Diphenhydramin, Chinin, Chlorpheniramin, Bindemittel (Stärke, Zellulose), Füllstoffe
Die Produktion ist billig: Grundchemikalien wie Phenyl-2-propanon (P2P), Methylamin, Reduktionsmittel und einfache Pressen reichen. In Syrien entstanden unter dem Assad-Regime (besonders durch die 4. Division und Maher al-Assad) industrielle Fabriken – oft in Villen oder unterirdisch –, die Millionen Tabletten pro Monat spuckten. Schätzungen vor 2024/25: Jahresumsatz 3–10 Milliarden US-Dollar, mehr als legale Exporte Syriens zusammen.
Warum ist Captagon so gefährlich und so beliebt?
Die Wirkung trifft genau den Nerv der Zielgruppe:
- Extremes Wachsein (72+ Stunden ohne Schlaf möglich)
- Euphorie, Selbstüberschätzung, Aggressivität
- Kein Hunger, kein Durst → ideal für Soldaten, Schichtarbeiter, Studenten bei Prüfungen, Langstreckenfahrer
- In Saudi-Arabien und den Golfstaaten: Partydroge der Reichen und der Jugend, die unter enormem Leistungsdruck steht
Aber der Preis ist hoch:
- Psychosen, Paranoia, Halluzinationen
- Herzrasen, Schlaganfälle, Krampfanfälle
- Extreme Abhängigkeit, brutaler Entzug (Depression, Suizidgedanken)
- In Konfliktzonen: „ chemischer Mut“ für Kämpfer – manche berichten von Kämpfern, die tagelang ohne Pause kämpften
Der aktuelle Stand (2026)
Nach dem Sturz Assads 2024 wurden viele Fabriken zerstört oder übernommen. Die Übergangsregierung spricht von einer „vollständigen Zerschlagung“. Doch die Realität ist komplizierter: Kleine Labore tauchen wieder auf, Produktion wandert in unkontrollierte Gebiete, Milizen und Clans übernehmen Teile des Geschäfts. Die Nachfrage – vor allem in Saudi-Arabien, Jordanien, Irak und den Golfstaaten – bleibt enorm.
Captagon ist kein harmloses Aufputschmittel mehr. Es ist eine geopolitische Waffe, ein Wirtschaftsfaktor und eine öffentliche Gesundheitskatastrophe geworden.
Wenn du oder jemand in deinem Umfeld mit Captagon in Berührung kommt: Es lohnt sich, frühzeitig Hilfe zu suchen. Die Abhängigkeit baut sich rasend schnell auf – und der Ausstieg ist brutal.
Bleib wach, aber ohne Chemie.

